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Bundesrat entscheidet über Beschneidung etwas unentschieden

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Heute diskutiert der Bundesrat als Tagesordnungspunkt 18 der 902. Sitzung  über den „Entwurf eines Gesetzes über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes“ (der Titel allein ist schon recht entzückend). Rednerinnen sind der Justizstaatssekretär Stadler, von dem keine Überraschungen zu erwarten sein dürften – er vertritt den Entwurf der Bundesregierung aus seinem Ministerium. Interessanter könnte der Redebeitrag der baden-württembergischen Ministerin für Integration Bilkay Öney, die bis 2009 Grüne war, die seitdem als Sozialdemokratin auftritt und sich gerne auch mal als „Rock’n’Roll Muslima“ bezeichnet. In den letzten Wochen hat sie sich immer mal wieder positiv zum Gesetzentwurf der Bundesregierung geäußert. Auf der anderen Seite haben der federführende Rechtsausschuss des Bundesrates und der Gesundheitsausschuss kritische Anmerkungen verfasst (während der Familienausschuss und der Ausschuss für Jugend und Frauen (auch eine klasse Kombination!) die Zustimmung für den Gesetzentwurf erreichen wollen.

Der Rechts- und der Gesundheitsausschuss stoßen sich dagegen vor allem an der Möglichkeit, dass Nicht-Ärzte bei Säuglingen die Beschneidung „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ sollen durchführen können und sie stellen die Frage, ob das in dieser Konstellation überhaupt geht – insbesondere mit Blick auf die Anästhesie: „Was ist unter einer ‚im Einzelfall gebotenen und wirkungsvollen Schmerzbehandlung‘ zu verstehen“ fragen sie in ihrer Stellungnahme, „Ist entsprechend der Auffassung pädiatrischer Schmerzspezialisten eine Vollnarkose bei der Beschneidung unverzichtbar?“ Nun sind die meisten Pädiater, die sich in dieser Debatte zu Wort gemeldet haben keine „pädiatrischen Schmerzspezialisten“, sondern im Allgemeinen schlicht Kinderärzte und manchmal auch Kinderchirurgen. Pädiatrische Schmerzspezialisten gibt es nämlich viel zu wenige. Und dass nicht wenige dieser Spezialisten sich Gedanken über die Schmerzen bei der Beschneidung machen, aber geschlechtszuweisende Eingriffe bei intersexuelle Kindern, die weitaus gravierender sind und schwerwiegendere (negative) Folgen haben, weiterhin dulden und teilweise selbst praktizieren, macht sie auch nicht gerade überzeugender. Andererseits wird im Jüdischen Krankenhaus Berlin die Beschneidung bei Babies sicher nicht zufällig unter Vollnarkose gemacht. Und Nichtärzte sind nicht nur nicht in der Lage eine Vollnarkose zu machen, sie können auch keine kunstgerechte Lokalanästhesie durchführen – von daher erscheint dieser Passus im Gesetzentwurf tatsächlich recht bedenklich. Leider ist die Debatte in Deutschland mehr in Form eines Stellungskrieges um Glaubensfragen verlaufen, so dass es schwer werden wird, hier eine auch im Detail gute Lösung zu finden – kein Grund allerdings sie nicht anzustreben. Und so wenig ich ein Verbot der Beschneidung befürworte, so wichtig finde ich es, dass die Beschneidung unter optimalen Bedingungen durchgeführt wird – insbesondere gilt das für die schmerzmedizinische Behandlung.

Heute Abend diskutiere ichzu dem Thema übrigens in Hamburg um 19 Uhr im Dorothee Sölle Haus mit der Berliner Kinderärztin Marguerite Marcus: „Freiheit, Aufklärung, Antisemitismus? Worum geht es beim Streit um die Beschneidung?“

 

 

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Ein Kommentar

  1. Glauben auch Sie wahrhaft dass das Abschneiden der Vorhaut, des sexuell empfindlichsten männlichen Teil, welches außer,dem Klitoris dem weiblichen entspricht und noch dazu 8 Tage nach der Geburt, zu rechtfertigen ist, nur weil sich die Abrahamistischen Relgionen,es als Ritual als identitätstiftend halten? Dem Gesetzentwurf,nach könnte ich ja jetzt meinen Sohn kastrieren lassen solang das man „ärztlicher Kunst“ geschieht, ditto weibliche Beschneidung.
    Einen fauleren Kompromiss als diesen Entwurf habe ich wohl seit,langem nicht zu sehen bekommen.Sowie ich es sehe, haben sich inzwischen alle Christlichen Obrikeiten, von den Haredim Orthodoxen unterstützt, und auch Sie scheinen nicht,nur keine blasse Ahnung von Physiognomie noch von unterschiedlichen Jüdischen.

    Sollte es zu einer Volksabstimmung kommen, wuerde sich das Volk 75 %zentig gegen das neue Gesetz stimmen.

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