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Bundesrat dann doch beschneidungskonform

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Es war nur Tagesordnungspunkt 18, aber am frühen Nachmittag war der Bundesrat durch mit dem Thema: über die Bedenken des Rechtsausschusses hatte man sich hinweggesetzt. Der Bundesrat unterstützt das geplante Gesetz zur Jungsbeschneidung. Wenn jetzt auch noch der Bundestag mitspielt, ist die Lage klar – bis zum nächsten Rechtsstreit, bei dem jemand vorprescht. Und da Richter unabhängig sind und nicht an den Willen des Gesetzgebers gebunden, wenn der ihn nicht hinreichend klar in Gesetz gießt, wird die Debatte dann unweigerlich erneut aufflammen. Aber jetzt erstmal: Ruhe.

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3 Kommentare

  1. Der Bundesrat hat es sich ziemlich einfach gemacht und die Bedenkenträger kalt auflaufen lassen. Das ist ein ziemliches Armutszeugnis und zeigt nur einmal mehr wie unverantwortlich unsere Politiker mit dem Thema umgehen. Dabei ist die Fokussierung auf eine möglichst schmerzfreie Beschneidung ohnehin nicht angemessen. Von großer Bedeutung sind schließlich auch die Folgeschmerzen und von allergrößter Bedeutung, die Folgen der Beschneidung an sich. Dankenswerterweise haben sich im Zuge der Diskussion ausreichend Männer öffentlich über ihre Beschneidung und die Folgen geäußert. Als Kinder Beschnittene haben naturgemäß keine Vergleichsmöglichkeiten, während das bei als Erwachsene Beschnittene ganz anders aussieht. Danach hat die Beschneidung zwangsläufig einen großen Einfluß auf das Sexual- und Lustempfinden. Und damit sind wir beim zentralen Problem. Eine Beschneidung greift in das Imtimste überhaupt ein und betrifft daher auch und gerade die Würde des Menschen. Es sind eben nicht nur das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung betroffen, sondern ganz zentral auch die Würde des Menschen. Ich bin mir daher absolut sicher, dass das vorliegende Gesetz, ja die Beschneidung an sich, nicht mit unserem Grundgesetz im Einklang zu bringen sind. Das Bundesverfassungsgericht mag aus politischer Rücksichtnahme derzeit anders oder nicht entscheiden, eher kurz als langfristig wird sich diese Sichtweise trotzdem durchsetzen. Dazu muss man sich nur anschauen, wie ursprünglich die Diskussionen über die Verbote der weibliche Beschneidung oder, weit harmloser, über Ohrfeigen verlaufen sind.

  2. Die männliche Beschneidung und die weibliche miteinander auch nur nahebringen zu wollen, geschweige denn beides gegenüberzustellen, zeigt – wenn man tatsächlich deren Hintergründe kennt – wie geradezu hysterisch die momentane Diskussion geführt wird. Denn das eine hat mit dem anderen, das geradezu eine weibliche äußere Kastration darstellt, zumeist unter katastrophalen äußeren Umständen, aber auch überhaupt nichts zu tun. Ich selbst möchte nun auch nicht die männliche Beschneidung z.B. mit dem Ohrlochstechen vergleichen, aber wenn man gleichermaßen konsequent sein möchte, stellt auch dies eine grundsätzlich zu ahnende Körperverletzung dar. Deshalb, Leute, lasst die Kirche im Dorf! Es geht letztendlich nur um einen Quadratzentimeter Haut, dessen Entfernung nicht nur in jüdischen, sondern auch in anderen Kulturkreisen seit Jahrhunderten und -tausenden gang und gäbe ist. Und – das darf ich als selbst Betroffener versichern – es geht nicht „um das Intimste überhaupt“. Vielmehr ist dieses Stückchen Haut gut verzichtbar. Natürlich wird die sog. Eichel etwas unempfindlicher, das steigert aber eher das sexuelle Vergnügen als es zu schmälern – und das soll es jetzt hierzu auch gewesen sein. Also viel Lärm um nichts im Ergebnis, außer dem berechtigten Schock unserer jüdischen Mitbevölkerung, der solche Diskussionen wirklich erspart bleiben sollten!

  3. Lieber Martin,

    „nur um einen Quadratzentimeter Haut“? Entschuldigung, aber es geht bei der Beschneidungsdebatte eben nicht nur um ein Stückchen Haut. Bei dem Recht auf körperliche Unversehrtheit ist es zunächst einmal völlig irrelevant, welche Folgen dieser Eingriff hat. Der Schutz gilt allgemein und unterliegt nicht der Werteinschätzung anderer, denn wo wären sonst die Grenzen? Auch auf ein Ohrläppchen könnte man leicht verzichten.

    Dass die Folgen der Beschneidung für den Einzelnen zudem eben nicht vernachlässigbar sein, zeigen die vielen Wortmeldungen von Betroffenen. Dass das sexuelle Vergnügen nach der Beschneidung höher ist als vorher, liest man auch, aber eigentlich nicht mehr, wenn die Beschneidung längere Zeit zurück liegt und es gibt eben auch Berichte wie folgende: http://www.taz.de/Beschneidung-mit-18/!101655/

    Und dieser Bericht entspricht auch der Logik. Die Entfernung eines Stückchens Haut von der Empfindlichkeit der Lippen mit zudem hoher Schutzfunktion für die Eichel muss einen Einfluss auf das sexuelle Empfinden haben. Alles andere wäre schlicht unlogisch und damit wäre ich beim Problem mit der Menschenwürde.

    Die Abgrenzung zur Beschneidung von Frauen funktioniert so nicht. Der Grund ist ganz einfach. Es gibt nicht nur eine Beschneidungsvarianten, sondern derer mehrere. Es ist ganz klar, dass man die Entfernung der Klitoris nicht mit der Entfernung der Vorhaut vergleichen kann. Aber es gibt eben auch Beschneidungsvarianten, bei denen nur die Klitorisvorhaut entfernt wird und die ist absolut vergleichbar mit der männlichen Vorhaut. Bei Mädchen und Frauen ist die Beschneidung aber in allen Varianten verboten, sogar ein symbolisches Anritzen der Klitorisvorhaut und das wäre nun sogar viel harmloser als die Beschneidung bei Jungen.

    Der Gesetzgeber schafft sich mit dem vorliegenden Gesetz mehr Probleme, als er damit zu lösen hofft. Das Gesetz ist so eindeutig verfassungswidrig, dass es nur aus politischen Gründen überleben kann und so etwas hält nun mal nicht sehr lange. Meiner Meinung nach wäre es erheblich besser gewesen, die Unvereinbarkeit der Beschneidung mit dem Grundgesetz zuzugeben, die Beschneidung aber trotzdem nicht zu bestrafen. Also eine Regelung ähnlich wie bei dem Schwangerschaftsabbruch. Mit so einer Regelung würden die Bescheidungskritiker in den Religionsgruppen ermutigt, nach Alternativen zu suchen und diejenigen, die später Probleme mit ihrer Beschneidung haben, hätten ein Klagerecht erhalten. Für alle anderen hätte sich nichts geändert, aber es wäre ihnen zumindest bewusst geworden, dass das was sie da machen, rechtlich nicht in Ordnung ist.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas

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