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Sparobjekt Palliativmedizin im Krankenhaus: Fallpauschale 2013 gegenüber 2012 deutlich abgewertet

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Das Gesundheitssystem hat seine Tiefen und Tücken – und es lebt ganz gut davon, dass die Öffentlichkeit wenig von dem wahrnimmt, was es im Innersten zusammenhält und wie das geschieht. Ein besonders gut versiegeltes Buch ist das der Fallpauschalen im Krankenhaus – dabei hat es für die Situation der Patienten dort erhebliche Bedeutung: Da Krankenhäuser zunehmend wirtschaftlich handeln, reagieren sie auf Änderungen bei den Fallpauschalen auch. Insofern ist es keine akademische Frage, wenn das Zusatzentgelt 60, mit dem die mühselig erstrittene palliativmedizinische Komplexbehandlung OPS 8-982 abgerechnet werden kann, in 2013 gegenüber 2012 deutlich abgewertet wird: Für eine Palliativmedizinische Komplexbehandlung, die mindestens 7 und höchstens 13 Behandlungstage dauert konnten für 2012 1339,98 EUR abgerechnet werden, bei mindestens 21 Behandlungstagen 3422,48 EUR, für 2013 sind es 1273,89 EUR beziehungsweise 2760,58 EUR. Dass der Abschlag für die längerdauernde Palliativbehandlung besonders drastisch ausfällt, zeichnet das düstere Bild noch etwas dunkler, denn länger liegen vermutlich gerade die besonders aufwändig zu behandelnden Patienten.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hat dementsprechend alarmiert reagiert: „Besonders Einrichtungen der spezialisierten stationären Palliativversorgung werden durch das bis zu 20% reduzierte Entgelt nicht mehr kostendeckend arbeiten können. Bereits bestehende Palliativstationen und mobile Teams (Konsiliardienste) in Krankenhäusern, die ihre Arbeit über die ZE 60 refinanzieren, werden aus ökonomischen Gründen von der Schließung bedroht sein. Die nicht adäquate Finanzierung wird den notwendigen weiteren Auf- und Ausbau palliativmedizinischer Einrichtungen im Krankenhaus nachhaltig behindern.“

Der Vorgang ist leider nicht ohne Beispiel: Es gab zuletzt erhebliche Schwierigkeiten bei der Etablierung der gesetzlich geregelten Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung, die die Krankenkassen lange dadurch sabotierten, dass sie keine entsprechenden Verträge abgeschlossen haben. Auch die immer wieder in unterschiedlichem Ausmaß aufflackernden Kostentragungsstreitigkeiten im Bereich der stationären Hospizversorgungpassen dazu. So blumig und mit Selbstbestimmungsfloskeln gewürzt die gesundheitspolitische Rhetorik klingt, wenn es um die letzte Lebens- und Behandlungsphase geht, so gering ist die Bereitschaft in eine entsprechend gute (von optimal spricht schon niemand) Versorgung zu investieren. Es bleibt zu hoffen, dass das breite Spektrum der in diesem Sektor tätigen Gruppen und Organisationen sich zu Wort meldet, denn nur wenn die Gesellschaft signalisiert, dass sie sich auch für die scheinbar nur (kosten-)technischen Fragen interessiert, wird hier irgendwann ein Umlenken stattfinden.

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3 Kommentare

  1. Das Klammheimliche dieser Budget-Operation ist abstoßend, zumal gleichzeitig Verhandlungen darüber laufen, was mit den riesigen Überschüssen der GKV passieren soll. Bald sind sie dahin.

    Vor knapp einem Jahr erschien dieser Artikel zum Thema „HOW DOCTORS DIE“. Es würde mich nicht wundern, wenn die Gesundheitsökonomen schon bald daraus eine Budgetrichtlinie ableiten, während die Ethiker auf ganz anderen Baustellen diskutieren.

    Hier der Link: http://www.zocalopublicsquare.org/2011/11/30/how-doctors-die/ideas/nexus/

  2. Man kann die Verhinderung der SAPV durch die Kassen aber nicht mit der Abwertung des Zusatzentgelts vergleichen. Dies wird nun mal aufgrund der sog. Kalkulationsstichprobe (ca. 10% aller Krankenhäuser) kalkuliert. Dafür können die Kassen nichts.

    Allerdings kümmert sich niemand um die Feinheiten der Kalkulation, die Krankenhausgesellschaften (fast) nicht und die Kassen sowieso nicht. Alle, die im Thema der Krankenhausfinanzierung drinstecken, wissen, dass es bei der Kalkulation Gewinner gibt und Verlierer. Das System ist immer noch so gestrickt, dass die technische Medizin eher überbewertet wird und die nicht-technische eher unterbewertet wird.

    Die Fachgesellschaft sollte also ganz schnell schauen, wie gut die Palliativmedizin in den Häusern der Kalkulationsstichprobe aufgestellt ist, vielleicht sind da einige „me-too“-Palliativabteilungen dabei, oder solche, die erst kürzlich eröffnet haben – alles Gründe dafür, dass die Kosten „falsch-niedrig“ kalkuliert werden.

  3. Ich bin einfach nur empört über so viel Menschenverachtung.

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