Biopolitikblog

Kein Froum für den Euthaanasie-Befürworter Singer
Kein Froum für den Euthaanasie-Befürworter Singer

Den Peter-Singer-Preis erhält…Peter Singer!

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Ernst Bloch war acht Jahre tot, da wurde erstmals der Ernst Bloch Preis verliehen. Auch der Adorno-Preis erreichte seinen ersten Preisträger acht Jahre nach dem Tod des Namensgebers. Noch länger dauerte es bis Emmanuel Levinas den Karls-Jaspers- und Agnes Heller den Hanna Arendt-Preis entgegennehmen konnten. Da hat es der australische Bioethiker Peter Singer besser. Kurz vor seinem 69. Geburtstag wird in Berlin erstmals der „Peter-Singer-Preis für Strategien zur Tierleidminderung“ verliehen werden. Weil niemand so würdig sein kann, wie der Namensgeber selbst, wird er selbst auch gleich der erste Preisträger sein. Die Laudatio auf den umstrittenen Utilitaristen, dessen Empathie für „nicht-menschliche Tiere“ eng mit seinem engagierten Plädoyer auch für nicht-freiwillige Euthanasie bei bestimmten Menschen verknüpft ist, wird passend dazu ein antireligiöser Aktivist halten, dem wir neben dem „Manifest des Evolutionären Humanismus“ insbesondere das launige Grundlagenwerk „Leibniz war kein Butterkeks“ verdanken. Ursprünglich war die Stiftung des Preises übrigens ein Projekt des damaligen Bundesvorsitzenden der Tierschutzpartei, der sich mit seiner Basis darüber allerdings zerstritt, weil der überzeugte Vegetarier Peter Singer nur die meisten und nicht alle Tierversuche verdammt. Das verdichtet den Eindruck, dass mit dem Preis nicht ein wissenschaftliches Werk von internationalem Rang gewürdigt wird, sondern es darum geht in der aktuellen biopolitischen Kontroverse ein Scharmützel mit anderen Mitteln durchzufechten. Das passt auch gut zur praktischen Ethik Peter Singers, die weniger durch ihre grundlegenden Erkenntnisse besticht, als dadurch, dass sie für alle Probleme klare Lösungen bereit hält. Beispielsweise schlug Singer in einem Buch mit dem unmissverständlichen Titel „Muss dieses Kind am Leben bleiben?“ vor, die Neugeborenen-Euthanasie zumindest vorerst auf die ersten 28 Tage nach der Geburt zu begrenzen. Auch die Schaffung staatlicher Prüfungsausschüsse, die über die Lebensqualität behinderter Kinder entscheiden und ihnen so zum Weiterleben verhelfen können, qualifizierte er in dem Werk als hilfreiche Idee – vorausgesetzt, es werde ausreichend Geld für die Ausstattung kleiner, guter Heime bereitgestellt. Manche, denen es angesichts dieses extremen Pragmatismus schaudert, haben jetzt zum Protest gegen die Preisverleihung aufgerufen. Dass es vor allem Menschen aus der Behindertenbewegung sind, ist unschwer nachzuvollziehen. Helfen dürfte deren Mahnung wenig. Es ist schließlich kein Zufall, dass Singer vor allem humanistischen Organisationen in Deutschland preiswürdig erscheint, wo er zuletzt vor vier Jahren schon den Ethik-Preis der „Giordano Bruno Stiftung“ (Giordano Bruno kann nix dafür) erhalten hat. Denn auch wenn diese Preise wenig mit Philosophie zu tun haben, werden sie doch nicht in Unkenntnis von Singers Gesamt-Werk verliehen, sondern gerade weil es sich im Tagesgeschäft so überaus vielfältig nutzen lässt. Kann man die Preisverleihung zusätzlich noch als tapferen Tat im Streit für Meinungsfreiheit erscheinen lassen – um so besser. (dieser Text erschien in leichter Abwandlung in der Print-Ausgabe der FAZ vom 18. Mai 2015 im Feuilleton).

PS.: Mittlerweile nimmt die Debatte an Fahrt auf. Der Förderverein für die Verleihung des Peter Singer Preises befürchtet, Kundgebungen, die eine „würdevolle Vergabe des Peter-Singer-Preises“ verhindern könnten und zieht sich ansonsten darauf zurück, doch nur den Tierschützer Singer und nicht den Euthanasiebefürworter Singer ehren zu wollen. Die „Urania“, die der Verleihung Raum gibt, möchte Singer auch nicht verteidigen, sieht aber auch keinen Grund die Preisverleiher auszuladen, sondern möchte stattdessen die Kritiker Singers inkludieren und um eine kurze, „maximal 10minütige Stellungnahme zu Beginn der Veranstaltung bitten.“ Die Humanisten um die Giordano-Bruno-Stiftung, die ihrerseits Peter Singer 2011 ihren ersten und bislang letzten Ethik-Preis verliehen haben, tun jetzt naiv, betonen, dass sie mit dem Preis nichts zu tun hätten, beklagen „tragische Mißverständnisse“ und treten ansonsten in bekannter Manier mit ihrer Mischung aus Schlaumeierei, Frechheit und intelektuellem Hubertum auf. Charakteristisch für ihre Haltung ist die folgende Interviewpassagen: „Ohne es zu wollen, hat Peter Singer gerade in Behindertenkreisen große Ängste ausgelöst. Ich kann gut nachvollziehen, dass Menschen, die unter fehlender Zuwendung und mangelhafter gesellschaftlicher Unterstützung leiden, ihre Enttäuschung und Wut zum Ausdruck bringen, indem sie mit aller Vehemenz gegen einen Philosophen protestieren, der diese unhaltbaren Zustände angeblich legitimiert. In Wahrheit aber ist Peter Singer der falsche Adressat für solche Vorwürfe, denn seine Philosophie zeichnet sich in besonderer Weise dadurch aus, dass sie jede Form von Diskriminierung überwindet.“ Peter Singer löst in der Behindertenbewegung aber weniger große Ängste, als großen Ärger aus. Dass er das unwillentlich tut, dürfte angesichts der Hartnäckigkeit mit der er seine Position gegen Proteste aus der deutschen und us-amerikanischen Behindertenbewegung vertritt, nicht zutreffen. Dass Behinderte hier pauschal als „Menschen, die unter fehlender Zuwendung und mangelhafter gesellschafticher Unterstützung leiden“ charakterisiert werden, spricht für sich. Dass Peter Singer „jede Form von Diskriminierung überwindet“ ist eine Aussage, die nur dann zutrifft, wenn man Menschen mit Behinderungen, die er dem Tod preisgeben will oder für die er die finanzielle Ressourcen reduzieren will, als nicht vom Diskriminierungsschutz umfasst sieht. Was Diskriminierung ist, wird in der UN-Behindertenrechtskonvention dankenswert klar formuliert – auch die mittelbare Diskriminierung gehört dazu. Wenn also Peter Singer vertritt, dass kein Neugeborenes ein Lebensrecht hat, das aber nur für Neugeborene mit bestimmten Behinderungen Konsequenzen hat (die Tötung), ist auch das diskriminierend und nicht etwa Ausdruck besonderer Gleichbehandlung….

Bleibt abzuwarten, was die Protestbewegung gegen Peter Singer am 26. Mai 2015 um 17 Uhr vor der Urania mobilisieren kann.

 

 

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Ein Kommentar

  1. Als Anhänger von Singers Philosophie kann man sich für die kostenlose PR, die seit Wochen veranstaltet wird, nur bedanken. Ohne den Medienwirbel hätte vermutlich kaum jemand von Singers Besuch Notiz genommen.

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