Biopolitikblog

Peter Singer relativiert auch das Foltervebot

| 1 Kommentar

Peter Singer bekommt heute nachmittag den Peter Singer Preis verliehen. Bedauerlicherweise haben Vertreter des „Bundesverbandes Lebensrecht“ und ein Contergan-Aktivist die Einladung der „Urania“ angenommen, die Preisverleihung, die dort stattfindet, durch kurze (vermutlich moralisch empörte Statements) als diskursives, wertvolles Happening zu legitimieren. Dafür hat der Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung, die Singer selbst noch 2011 den „Ethik-Preis“ verliehen hat, seine Laudatio unter Verweis auf ein Interview Singers mit der NZZ am Sonntag abgesagt. Daran hat er gut getan, auch wenn dieses Interview keineswegs einen Positionswandel von Singer darstellt. Allerdings spitzt er seine eigenen Positionen an manchen Punkten zu – und da es dabei nicht nur gegen Behinderte geht, ist das für manche seiner Unterstützer durchaus unangenehm und soll hier kurz zitiert werden:

„Frage: Würden Sie so weit gehen, ein Baby zu foltern, wenn es der ganzen Menschheit dauerhaftes Glück verschafft?
Singer: Diese Frage stammt aus Dostojewskis «Die Brüder Karamasow»; Iwan stellt sie seinem Bruder Aljoscha. Ich wäre vielleicht nicht in der Lage, das zu tun, weil ich durch meine evolutionär entwickelte Natur Kinder vor Schaden bewahren will. Aber richtig wäre es. Denn wenn ich es nicht täte, würden in der Zukunft Tausende Kinder gequält.“

(Das vollständige Interview finden Sie auf den Seiten der NZZ am Sonntag, die klugen Fragen stellte Nina Streeck, über die sich auch schon Sterbehilfe-Organisationen wie EXIT ereifert haben.)

Dass Singer als konsequenter Präferenzutilitarist und Gegner jeder Form des Speziesismus keine prinzipielle Achtung vor Menschenwürde hat, überrascht nicht. Das Folterverbot kann er daher gar nicht entschlossen verteidigen. Dennoch frage ich mich, wie der Stellvertretende Vorsitzende des Ethikrates, Wolf Michael Catenhusen, der der Preisverleihung offiziell beiwohnt, dazu im Einzelnen steht und wieso er nun gerade den Protest gegen diesen Theoretiker für einen guten Anlaß hält, mit einem Redebeitrag über „Kurzvortrag „Gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz in einer pluralistischen Gesellschaft“ sein Scherflein zur Legitimation eines solchen Diskurses beizutragen. Er ist herzlich eingeladen Stellung auch hier dazu Stellung zu beziehen.

PS.: Ein lesenswertes Grußwort für die Protestaktionen hat die Juristin Theresia Degener verfasst

PPS.: Mein Grußwort finden Sie gleich nebenan…

 

Share Button

Ein Kommentar

  1. Quelle surprise. Leute, der Mann ist Utilitarist. Alles, was er in dem Interview sagt, ist eine Implikation seines Utilitarismus und sollte daher niemanden überraschen. Und die Aussage über die Folter von Neugeborenen beruht auf einem fiktiven Gedankenexperiment. Vermutlich würden auch viele Nicht-Utilitaristen in Betracht ziehen, das Baby zu foltern, wenn man damit verhindern könnte, dass Millionen andere Kinder in Zukunft gequält werden. In diesem Zusammenhang finde ich es übrigens witzig, dass Tolmein sich für das Recht auf Beschneidung von Säuglingen ausgesprochen hat. Eine extrem schmerzhafte Praxis, die in den meisten Fällen ohne jede Betäubung durchgeführt wird, und die ohne das religiöse Brimborium, in das sie eingebettet ist, fraglos als Folter gelten würde.

    Werden Kommentare hier eigentlich freigeschaltet?

Schreib einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.